2fa67f482133f1c934235b73c2a03954_MInternationale Konflikten des frühen 20. Jahrhunderts sind bis heute in Europa bekannt und werden sowohl in populären Ausgaben als auch in politischen Auseinandersetzungen häufig erwähnt. Demgegenüber hat man sich in der Ukraine mit dem Ersten Weltkrieg bis vor kurzem nicht auseinandergesetzt, vor allem wegen des Vermächtnisses der sowjetischen Geschichtskunde, die diesen Konflikt als „imperialistisch“ betrachtete.
In Europa ist dieser Krieg nicht vergessen: In jeder – auch der kleinsten Stadt – gibt es Denkmäler als Erinnerungen an die Gefallenen. Eins davon ist direkt mit der Geschichte der Ukraine verbunden.

Rastatt ist eine Stadt mit 50.000 Einwohnern in Baden-Württemberg. Sie ist berühmt für ihr Barockschloss, aber unter den Touristen sind ihre „Nachbarn“ – Baden-Baden und Karlsruhe – viel mehr beliebter.
In den Jahren 1915–1918 gab es in Rastatt eine ager für die ukrainischen Kriegsgefangenen aus der
russischen Armee.

Das Lager bestand aus 12 Blöcken, jeder Block hatte 6 Baracken. Dort lebten zu der Zeit ungefähr 15.000 Gefangene. Der Kommandant des Lagers war der deutsche Generalmajor Karl Lang.

Das Regime im Lager war ziemlich liberal. Dank der Bemühungen der Union der Befreiung der Ukraine wurde hier viel Bildungsarbeit gemacht: Es wurden ukrainische Sprachkurse organisiert, die ukrainischsprachige Zeitschrift „Rozsvit“ wurde veröffentlicht. Auch die Ukrainer hatten das Recht auf friedliche Versammlungen im Lager. Es war auch für sie möglich, etwas Geld zu verdienen: Gefangene verkauften erfolgreich ihre eigene Töpferei-Produkte und gebundene Bücher. Darüber hinaus war es den ukrainischen Offizieren freigestellt, militärische Übungen durchzuführen.

Wahrscheinlich hoffte der deutsche Kommandant durch solche liberale Politik die ehemaligen Gefangenen in eine revolutionäre Kraft in der Ukraine verwandeln zu könne. Anfang 1918 wurde ein Friedensvertrag zwischen Deutschland und der Ukraine unterzeichnet, sodass die Ukrainer aus Rastatt und zwei anderen Lagern in Wetzlar und Salzwedel in ihre Heimat zurückkehren durften. Aus diesen Soldaten wurden später Divisionen von Synjoschupannyky (blaue Divisionen, der Name stamm von ihrer einheitlichen Uniformsfarbe) gebildet, die für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpften.

Der prominente ukrainische Bildhauer, Professor Mychajlo Paraschtschuk, organisierte eine Werkstatt im Lager in Rastatt und produzierte ein herausragendes künstlerisches Werk – ein Denkmal für die verstorbenen ukrainischen Gefangene, das zu einer der Sehenswürdigkeiten der Stadt wurde.
Es ist sehr einfach, Rastatt von Karlsruhe aus zu erreichen – 20 Minuten mit der S-Bahn.

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In der Nähe des Bahnhofs gibt es einen schönen Brunnen: zwei Liebende unter einem Regenschirm. Vom Bahnhof gehen wir zum Stadtfriedhof, der ganz in der Nähe in einem gemütlichen Park liegt. Hier befindet sich das ukrainische Ehrenmal, der früher am Eingang des Lagers stand. Das Denkmal ist nicht schwierig zu finden, weil es sich deutlich von allen Teilen des Friedhofs hervorhebt.

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Das Denkmal stellt drei Figuren dar: In der Mitte sitzt eine Frau mit einem Kind und an den Seiten stehen zwei ukrainische Soldaten – ein Vater und ein Sohn -. bewaffnet mit Gewehren und gekleidet in ukrainische Uniformen. Im oberen Teil des Denkmals befindet sich eine Inschrift auf Ukrainisch:
„DEN SÖHNEN DER UKRAINE VON IHREN LANDSLEUTEN“ und von unten auf Deutsch: „DAS UKRAINISCHE EHRENMAL“.

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In der Nähe des Denkmals ist ein kleiner Militärfriedhof. Hier sind deutsche Soldaten begraben, die während des Ersten Weltkriegs starben.

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Am Eingang des Friedhofs steht ein Kriegsdenkmal für die deutschen Soldaten, die 1870/71 im Krieg gegen Frankreich umgekommen sind.

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Neben den Ukrainern gab es in Rastatt ein Lager für französische Gefangene. Als Erinnerung daran liegt dieser Grabstein.
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In der Nahe befindet sich auch eine kleine Kapelle.
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In der Nähe des Denkmals habe ich die Blumen – blaue Hortensien und gelbe Rosen niedergelegt. Nachdem ich das Grablicht angezündet und das Gebet gesprochen hatte, kehrte ich nach Hause zurück.
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Auf dem Rückweg durch die Altstadt habe ich mir vorgestellt, wie ukrainische Jungs vor fast 100 Jahren hier herumspazierten, mit den deutschen Mädchen flirteten, ein kühles Bier tranken und davon träumten, in ihre Heimat zurückzukehren.

Autor: Andrii Khrabustovskyi

Übersetzung: Symon Jemčenko

Quellen:

  1. Landkreis Rastatt
  2. Департамент УГКЦ у справах душпастирства силових структур України
  3. Українська Вікіпедія

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